„Rotes deutsches Wolgaland“

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Kurzfassung:

In seiner Publikation „Rotes deutsches Wolgaland. Zum 100. Jubiläum der Gründung der wolgadeutschen Republik“ (116 Seiten, DINA 4, ISBN: 978-3-00-061635-8) geht der Historiker Dr. Viktor Krieger der widersprüchlichen Geschichte der Wolgadeutschen nach.
Der Titel „Rotes deutsches Wolgaland“ ist ein Zitat aus dem gleichnamigen Lied des deutschen Dichters Erich Weinert, 1936 von Ernst Busch in Engels gesungen. Auch wenn viele deutsche Wolgakolonisten den politischen und gesellschaftlichen Zielen der bolschewistischen Partei zuerst skeptisch bis ablehnend gegenüber standen, etablierte sich die Sowjetmacht mit unerbittlicher Härte und Gewalt auch im Wolgagebiet. Das reich bebilderte, durch Karten, Tabellen und Zeichnungen anschaulich gestaltete Buch stützt sich auf neueste Forschungsergebnisse und wenig bekannte Dokumente aus Archiven und Privatbesitz.
Es wurde durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert und von der Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler e. V. (VIRA e.V.) herausgegeben.
Zum Buch gibt es eine Wanderausstellung (sieben Tafeln), die bei VIRA e.V. ausgeliehen werden kann.

Bestellungen für das Buch und die Wanderausstellung:
VIRA e.V., 02137 – 933 533; vira@vira-ev.de oder Dr. Viktor Krieger, 06226 – 971 371; krieger.buch@t-online.de

Viktor Krieger: „Rotes deutsches Wolgaland“
Der widersprüchlichen Geschichte der Wolgadeutschen auf der Spur

 „Rotes deutsches Wolgaland. Zum 100. Jubiläum der Gründung der wolgadeutschen Republik“ heißt die kürzlich erschienene Publikation von Dr. Viktor Krieger (Universität Heidelberg), eine populärwissenschaftliche Darstellung der Geschichte der Wolgadeutschen von den Anfängen bis zur Gegenwart. Das Buch (114 Seiten, DINA 4, ISBN: 978-3-00-061635-8) wurde durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert und von der Vereinigung zur Integration der russlanddeutschen Aussiedler e. V. (VIRA e.V.; Vorsitzender: Alexander Kühl; Projektleitung: Ella Kühl) herausgegeben. Am 14. Dezember 2018 stellte der Autor im Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf die Neuerscheinung vor.

Der Titel „Rotes deutsches Wolgaland“ ist ein Zitat aus dem gleichnamigen Lied des Dichters Erich Weinert, 1936 von Ernst Busch in Engels gesungen: Beide Exildeutsche lebten in den 1930er kurzweilig in der Sowjetunion und engagierten sich im Kampf gegen den aufsteigenden deutschen National-Sozialismus. „Wir haben auf ewig / Das Land befreit. / Und unser neues Leben / Blüht und gedeiht. / In unserer Hand hast Du Bestand, / Rotes deutsches Wolgaland!“, so der Refrain des Liedes. Die Aussage steht eindrucksvoll dafür, wie uneingeschränkt enthusiastisch die Existenz der sozialistischen deutschen Wolgarepublik wahrgenommen wurde – nicht nur von vielen Exildeutschen, sondern auch teilweise von den Wolgadeutschen selbst.

„Ich glaube, dass es den Geist vieler junger Wolgadeutscher der 1930er Jahre wiedergibt, die dann seit Ende der 1950er Jahre für die Wiederherstellung der Autonomie an der Wolga gekämpft haben. Und zum anderen wollte ich dadurch eine gewisse Verbundenheit mit Deutschland, vor allem mit den linken antifaschistischen Kräften betonen. Immerhin waren die Wolgadeutschen, sicher nicht immer freiwillig, aber trotzdem Teil des kommunistischen (und nicht des national-sozialistischen) Experiments“, erläutert Viktor Krieger.

Wie tief die Kluft zwischen der sowjetischen Propaganda, die mit der wolgadeutschen Republik ein Mythos bzw. Phantom und eine kommunistische Utopie zelebrierte, und der Realität, die die Wolgadeutschen schon kurz nach der Gründung der Autonomie der Wolgadeutschen mit aller Wucht einholte, konnten damals weder die Autoren des „Wolgadeutschen Liedes“ (unter diesem Titel wurde das Lied „Rotes deutsches Wolgaland“ in einer zeitgenössischen Publikation abgedruckt) noch die meisten Wolgadeutschen nicht mal erahnen. Aber später, als sich mit dem deutsch-sowjetischen Krieg und der massenhaften Deportation der Wolgadeutschen das schlimmste Szenario bewahrheitete.

Der widersprüchlichen Geschichte der Wolgadeutschen geht der Historiker Viktor Krieger in seiner Publikation nach – mit neuen Einsichten und kritischer Beleuchtung der Ereignisse im Wolgagebiet. Die reich bebilderte, durch Karten, Tabellen und Zeichnungen anschaulich gestaltete, populärwissenschaftliche Publikation zur Geschichte der Wolgadeutschen bzw. der Russlanddeutschen stützt sich auf neueste Forschungsergebnisse und wenig bekannte Dokumente aus Archiven und Privatbesitz.

Auch wenn die Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert und das „Rote deutsche Wolgaland“ (die ASSR der Wolgadeutschen) weitgehend im Mittelpunkt der Inhalte stehen – dazu verpflichtet schließlich der Anlass, entwirft der Autor in zehn Kapiteln ein vielschichtiges und facettenreiches Panoramabild des Lebens der deutschen Kolonisten im Wolgagebiet: Von der Einwanderung unter Katharina II. seit 1764 bis zur Auflösung der Wolgarepublik 1941, fast 180 Jahre später. Aber auch darüber hinaus, als die Wolgadeutschen – zerstreut über weite Territorien Sibiriens und Kasachstans – die Hölle auf Erden erfahren mussten. Nach der berüchtigten Arbeitsarmee und der Sondersiedlung bleiben sie noch lange rechtlos im eigenen Land, ausgegrenzt und totgeschwiegen. Die ergebnislosen Bemühungen in der Nachkriegszeit um eine substanzielle Wiedergutmachung, der ungleiche Kampf für die Wiederherstellung der deutschen Autonomie an der Wolga und die Verweigerung der nationalterritorialen Rehabilitierung führten schließlich zu einem massenhaften Exodus in das Land der Vorfahren. Unter den 2,5 Millionen Bundesbürgern mit einem russlanddeutschen Hintergrund sind Hunderttausende Personen, deren Vorfahren dem Ruf der Zarin Katharina II. folgten und seit 1764 an der Wolga siedelten. Und so beschäftigt sich das Schlusskapitel schließlich mit den Herausforderungen der deutschen Aussiedlerpolitik und der aktuellen Frage des anhaltenden Kriegsfolgenschicksals.

Im Laufe von 150 Jahren wurde aus den ursprünglichen 23.000 Kolonisten eine um die 570.000 Menschen zählende Bevölkerungsgruppe, die ober- und unterhalb der Wolgametropole Saratow weite Landstriche kompakt bewohnte. Nach der Machtergreifung 1917 bemühen sich die Wolgadeutschen um eine Autonomie innerhalb Russlands: Das 1918 gegründete Autonome Gebiet der Wolgadeutschen wurde Anfang 1924 zur Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) aufgewertet.

In den Jahren 1921–1922 stand die Hungerkatastrophe im Wolgagebiet im Fokus der Weltöffentlichkeit. Allein unter den Wolgadeutschen waren bis zu 100.000 Opfer zu beklagen, über 70.000 flüchteten vor dem Hungertod in andere Regionen, wo sie sich zumindest ein Überleben erhoffen. Ohne ausländische Hungerhilfe aus den USA aber auch aus Deutschland, die von der Sowjetregierung bis 1924 zugelassen wurde, wäre die Opferzahl noch viel höher.

Auch wenn viele deutsche Kolonisten den politischen und gesellschaftlichen Zielen der bolschewistischen Partei skeptisch bis ablehnend gegenüber standen, etablierte sich die Sowjetmacht mit unerbittlicher Härte und Gewalt auch im Wolgagebiet – zuletzt ließen sich viele, darunter vor allem junge Menschen, von den kulturellen und Bildungsangeboten der Wolgarepublik begeistern. Schon vor 1917 gab es im Wolgagebiet einen bedeutenden proletarisierten Teil der Landlosen oder Armbauern, die für die neue Gesellschaftsordnung empfänglich waren und sie unterstützten.

Bei aller Gleichschaltung und Unterordnung gegenüber den zentralen Partei- und Staatsstellen in rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Fragen, dürfen die positiven Auswirkungen einer national-territorialen Autonomie im Sowjetstaat nicht übersehen werden. Dazu zählten die Förderung der nationalen Funktions- und Bildungselite, deutschsprachiges Schul- und Hochschulwesen, nationale Museen und Theater, Repräsentanz in den zentralen und lokalen Machtstrukturen.

Eine weitere, nicht zu unterschätzende Bedeutung der Wolgadeutschen Republik bestand darin, dass ihre ständige Präsenz in Massenmedien und Öffentlichkeit dem Partei- und Staatsapparat sowie der gesamten Sowjetbevölkerung eine klare Botschaft sendete: Die Deutschen sind anderen Nationalitäten gleichberechtigt. Neben der gesetzlich festgeschriebenen Vertretung auf allen Ebenen der Sowjetmacht schuf die territoriale Autonomie feste Rahmenbedingungen für sprachliche, soziokulturelle und intellektuelle Entwicklungsperspektiven. Diese kamen auch den Deutschen aus anderen Regionen zugute.

Das alles war allerdings kein Freibrief gegen politische Verfolgungen und Repressionen in den 1930er Jahren.

Die Zwangskollektivierung der Bauernwirtschaften, die restlose Enteignung der wohlhabenden Bauern („Kulaken“) und ihre Verbannung nach Kasachstan und in den Hohen Norden wurden rücksichtslos durchgesetzt. Als eine direkte Folge dieser Politik brach 1932-1933 erneut eine Hungerkatastrophe über das Land herein. Seit 1929 setzte eine verstärkte Diskriminierung der Gläubigen und systematische Verfolgung der Geistlichkeit an. Auf alle Einschnitte, sei es im 19. oder 20. Jahrhundert, reagierte ein Teil der Wolgadeutschen mit Auswanderung – vor allem nach Übersee, Nord- und Südamerika.

Seit Mitte der 1930er Jahre ließ sich eine klare politische Linie zur Ausgrenzung und Verfolgung sogenannter „feindlicher“ Nationalitäten, die Deutschen gehörten dazu. Auch fielen sie dem „Großen Terror“ der Jahre 1937-1938 überdurchschnittlich zum Opfer: von den in diesen zwei Jahren insgesamt erschossenen 682.000 Personen waren 8,1 Prozent oder 55 000 Deutsche, obwohl sie nur 0,8 Prozent der Bevölkerung der UdSSR stellten.

Nicht nur deutsche Kommunisten, sondern auch viele linke Intellektuelle und später auch antifaschistische Emigranten sahen in der „ersten deutschen Sowjetrepublik“ die Keimzelle eines künftigen Sowjet-Deutschlands. Auf der Suche nach dem Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft verschlossen sie die Augen vor dem ähnlich verbrecherischen Wesen der stalinistischen Diktatur oder ließen sich gar für Propagandazwecke instrumentalisieren. Diese politische Blindheit und Naivität spiegelt sich etwa in Erich Weinerts Gedicht „Rotes deutsches Wolgaland“, das dem Buch den Titel gibt, in den utopischen Plänen eines Erwin Piscators zur Gründung in Engels eines „Kulturkombinats von Weltrang“ oder in Heinrich Manns Begeisterung für die „Demokratie der Wolgadeutschen“. Die deutsch-wolgadeutsche Beziehungen erwiesen sich seit Ende der 1920er Jahre als widersprüchlich und für viele Akteure als lebensgefährlich – ihre Kontakte wurden ihnen zum Verhängnis.

Der Deportationserlass vom 28.8.1941 und die Auflösung der ASSR der Wolgadeutschen Tage später markierten den Übergang zu einer breitangelegten Verfolgung und Diskriminierung der gesamten Minderheit. Bis Ende 1941 wurden aus der Wolgarepublik, aus den Städten Saratow und Stalingrad bzw. aus den benachbarten Rayons um die 439.000 Wolgadeutsche nach Sibirien und Kasachstan deportiert, ihr gesamtes Hab und Gut restlos konfisziert, nationale Bildungs- und Kultureinrichtungen liquidiert, Objekte der geistigen und materiellen Kultur zweckentfremdet oder vernichtet. Die Objekte materieller und geistiger Kultur in den einstigen Wohnorten der Deutschen im europäischen Teil der Sowjetunion fielen gezielter Vernichtung und Vernachlässigung zum Opfer.

In den Jahren 1941-1946 waren nicht weniger als 350.000 deutsche Frauen, Jugendliche und Männer zur Zwangsarbeit in der sogenannten „Trudarmija (Arbeitsarmee) verpflichtet. Sie kamen im Rahmen des GULag-Systems auf großindustriellen Bauten, beim Holzeinschlag, in die Kohlegruben, bei der Erdölgewinnung oder zum Fischfang im Ural und in Sibirien zum Einsatz – viele starben an Erschöpfung, Hunger oder Krankheiten.

Durch den Regierungserlass vom 26. November 1948 der die Verbannung der Deutschen und anderen repressierten Völker „auf ewig“ festschrieb, verschlimmerte sich ihre Lage zusehends: Fortan legten die NKWD-Sonderkommandanturen über jeden erwachsenen Sondersiedler eine Personalakte an, die Betroffenen mussten sich nun monatlich beim Kommandanten melden und durften ohne seine Erlaubnis weder ihren Wohnort oder die Arbeitsstelle verlassen noch sich heiraten.

Nach Stalins Tod im März 1953 und der eingesetzten vorsichtigen Liberalisierung wurden auch die Beschränkungen der Deutschen Schritt für Schritt aufgehoben. Schließlich hob der Erlass vom 13. Dezember 1955 das Regime der Sonderkommandantur für die Deutschen auf. Allerdings verbot er ausdrücklich die Rückkehr an jene Orte, aus denen sie ausgesiedelt wurden und schloss die Rückgabe des seinerzeit konfiszierten Vermögens aus.

Die Ergebnisse der Deportationen und Bevölkerungsverschiebungen wurden dadurch weitgehend zementiert: um die 90 Prozent der Deutschen lebten bis zum Ende der UdSSR hinter dem Ural, im asiatischen Teil des Riesenlandes. Immerhin gab es hier starke regionale Verschiebungen, zumal nach 1955 Hunderttausende aus den sibirischen und uralischen Deportations- und Lagergegenden nach Kasachstan und andere zentralasiatische Unionsrepubliken zogen.

Trotz der immer wieder auftretenden Forderungen der Betroffenen seit Mitte der 1950er Jahre, trotz der Aufhebung des Kollaborationsvorwurfes im Jahr 1964 ist die territoriale Autonomie der Wolgadeutschen nicht wiedererrichtet worden. Die bestehenden Diskriminierungen führten dazu, dass das akademische Bildungsniveau der Deutschen wesentlich niedriger war als das anderer Sowjetvölker und ihre Beschäftigungsstruktur bis heute überdurchschnittlich von Arbeiter- und weniger von intellektuellen Berufen geprägt ist.

Es war generell verboten, Russlanddeutsche in Lexika oder Lehrbüchern zu erwähnen und zu ihrer Geschichte und Kultur zu forschen. Wer wagte, diesen Umstand zu kritisieren oder sogar im Samisdat zu publizieren, holte sich augenblicklich den Vorwurf einer antisowjetischen Tätigkeit ein, wurde von dem KGB bedrängt und musste schließlich mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Die Reformansätze nach dem Machtantritt von Michail Gorbatschow 1985 weckten zwar neue Hoffnungen im Hinblick auf eine gerechte Lösung des „deutschen Problems“, die aber in der Rückschau geschichtlich folgenlos geblieben sind. Die ausgebliebene Wiederherstellung der Wolgarepublik wird auch weiterhin nicht selten als Beweis einer vermeintlichen Schuld gedeutet. Darüber hinaus fand bis heute keine materielle Entschädigung für das 1941 konfiszierte Vermögen statt. Auch dadurch erklärt sich der massenhafte Auswanderung – insbesondere in den 1990er Jahren – in das Land der Vorfahren Deutschland, um endlich dort als „Gleiche unter Gleichen“ bzw. als „Deutsche unter Deutschen“ in einem Rechtsstaat leben zu können.

Dieser Tatsache muss die bundesdeutsche Aussiedlerpolitik nach wie vor gebührend Rechnung tragen, weil das kollektive Kriegsfolgenschicksal nach wie vor auf den Nachkommen der einstigen Wolgadeutschen und insgesamt auf Russlanddeutschen in der RF und in anderen Ländern der GUS lastet.

Nina Paulsen

Zum Buch gibt es eine Wanderausstellung (sieben Tafeln), die bei VIRA e.V. ausgeliehen werden kann.
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